Spannung bleibt in Göteborg

30. Mai 2002 - Alle sind jetzt im Ziel, auch die Frauen auf "Amer Sports Too" kamen um 9:50 am Donnerstagmorgen ins Göteborg an – müde, wie alle Crews. Auf den Yachten der Favoriten "Illbruck" und "Assa Abloy" und den anderen wird jetzt allerdings kaum an Schlaf gedacht: "Illbruck" kam als vierte ins Ziel und führt jetzt in der gesamtwertung nur noch mit füfn Punkten vor der Siegerin dieser achten Etappe, der "Assa Abloy". Vor der letzten, 250 Seemeilen kurzen Strecke nach Kiel, zum Ende der Weltregatta Volvo-Ocean Race, geht es für die "Illbruck" und die "Assa Abloy" um den Sieg bei dieser jetzt fast neun Monate dauernden "härtesten Regatta der Welt".

Der hafen der VO 60s in Göteburg am frühen Donnerstagmorgen (Foto © Rick tomlinson/ volvooceanrace)

Die Entscheidung über den Gesamtsieg beim Volvo Ocean Race

Round the World 2001-2002 wurde in Göteborg/Schweden nochmals vertagt. Im

spannendsten und knappsten Zieleinlauf in der 29-Jährigen Geschichte der

härtesten Segelregatta der Welt wurde die gesamtführende Leverkusener

Hochseeyacht „illbruck“ in der Nacht zu Donnerstag knapp geschlagen

Vierte. Die schwedische „Assa Abloy“ siegte nach rund 1.150 Seemeilen vor

La Rochelle/Frankreich mit ganzen zwei Minuten und 16 Sekunden vor der

„Tyco“ (Bermudas) und weiteren 100 Sekunden vor der „News Corp“

(Australien). Damit verkürzte sich der Vorsprung der „illbruck“ im

Gesamtklassement auf fünf Punkte. Beim großen Finale am 8./9. Juni von

Göteborg nach Kiel muss das deutsche Boot mindestens Fünfter werden, um

die Trophäe „Fighting Finish“ beim Heimspiel aus eigener Kraft sicher mit

nach Hause zu nehmen.

 

Müde Augen – wenig Schlaf

 

Sie hatten rötlich entzündete Augen, schrubbelige Vier-Tage-Bärte und

einen ziemlichen Sonnenbrand. Angespannt und aufgedreht, zugleich

hundemüde und total erschöpft standen die Segler der „illbruck“ an Deck,

als sie gegen zwei Uhr morgens unter Feuerwerk und frenetischen Jubelrufen

der Angehörigen in den Werfthafen von Eriksberg einlief. So lange hatten

sie nach dem Zieleinlauf um exakt 0.11 und 55 Sekunden warten müssen, bis

die Schlange am Ankunftsponton abgebaut war. Die Enttäuschung über den

vierten Platz war nicht zu verhehlen. „Wir haben alles gegeben, aber nicht alles gewonnen“, meinte Steuermann und Segeltrimmer Richard Clarke aus

Kanada. 30 Stunden hatte er nicht geschlafen, und wollte am liebsten nur

noch ins Bett.

Nicht eben erholter sahen die Gegner aus. Noch tiefer saß der Frust bei

der „Amer Sports One“ (Finnland/Italien). Sie hatte die Etappe zwei

stürmische Tage lang vor der „illbruck“ angeführt, ehe beide gemeinsam

eine Halse zu früh fuhren und zurückfielen. Am Ende zog Grant Dalton auch noch um eine Minute und 33 Sekunden den Kürzeren gegen die „illbruck“ und

musste auch alle theoretischen Hoffnungen auf die beiden ersten Plätze

begraben. Stattdessen wird es vor Kiel einen dramatischen Dreikampf um

Platz drei geben, den mit der „Amer Sport One“ haben auch „Tyco“ und „News

Corp“ 40 Zähler auf ihrem Konto. Enttäuschend lief die Etappe genau wie

das gesamte Rennen für die „SEB“ (Schweden/6.), die „djuice“ (Norwegen/7.)

und die Frauen der „Amer Sport Too“, die am Donnerstag Vormittag immer

noch auf See waren.

Vier Tage und vier Nächte hatten die Männer von der atlantischen Küste von

La Rochelle gebraucht. Zu keiner Zeit verloren sich die Gegner aus den

Augen. Niemals zuvor lagen die Yachten bei einer Etappe rund um die Welt

bis zum Schluss so dicht zusammen. Nur sechs Minuten und 40 Sekunden

trennten die ersten fünf Boote in Ziel. „Es war eine harte Etappe, die wir

genauso gut hätten gewinnen aber auch als Sechster beenden können“, meinte

Skipper John Kostecki. Mit der Gesamtführung von fünf Punkten sei er

glücklich. Kostecki: „Das ist eine gute Ausgangsposition für Kiel“. Gold

und Silber sind nun bereits an die ewigen Konkurrenten vergeben; die Frage

bleibt nur, wer kriegt die Krone?

 

Juan Vila Illbruck-Navigator

Juan Vila Illbruck-Navigator

 

Illbrucks Navigator Juan Vila mit einem der traditionellen schwedischen Blumenkranz ( Foto © Rick Ttomlinson)

 

Die Rechenspiele:

Wird „illbruck“ Fünfter oder besser, geht die

Kristalltrophäe nach Punkten nach Leverkusen. Siegt „Assa Abloy“ und dem

grün-weißen Boot bleibt nur der sechste Platz, wären sie punktgleich. Dann

zählt die sogenannte Majorität der Plätze. Und dabei hätten die Schweden

einen, ihren einzigen dritten Platz mehr, der zum Sieg reichen würde. Wird

„Assa“ Zweiter, reicht „illbruck“ der siebte und vorletzte Platz, denn bei

der Punktgleichheit würden vier Etappesiege gegenüber drei den Ausschlag

geben. Landen die Schweden in Kiel auf dem dritten Rang, dürfen

Kostecki&Co. nur nicht disqualifiziert werden, denn das gäbe null Punkte.

Also hat illbruck Challenge nach wie vor die besseren Karten und die

Entscheidung selbst in der Hand.

 

Kommentare der Crew

 

Navigator Juan Vila fasste es als Erster wieder positiv zusammen: „Wir

hatten einige Chancen, weiter vorne zu landen. Die haben wir nicht

genutzt. Aber wir wussten von vornherein, dass es nicht leicht werden

würde. Doch jetzt machen wir es halt in Kiel klar.“ Davon war auch der

Münchener Vorschiffsmann Tony Kolb überzeugt. Allerdings wurde er

nachdenklich bei der Fehleranalyse: „Es haben nicht alle Segelwechsel

geklappt, und wir waren auch manchmal zu langsam.“ Allein ein dritter

Platz auf dem Podium hätte ihm gereicht, um guten Mutes die Strapazen zu

vergessen. 14 vielleicht 15 Stunden habe er auf der gesamten Etappe

geschlafen. „Wie waren alle furchtbar müde“, gab auch Kostecki zu.

„Es lief an sich gut und wie geplant. Wir waren heute morgen direkt hinter

‚Assa’ Zweiter. Doch viel Pech mit Seegras am Kiel, das Tony in der kalten

Nordsee schwimmend entfernen musste, hat uns stark gebremst. Hinzu kamen

eine paar Manöverprobleme und taktische Fehler“, so der Skipper weiter.

„Nun haben wir den zweiten Platz schon in der Tasche und ich bin sicher,

am Ende wird es noch besser kommen.“ Das Finale steigt am Sonnabend, dem

8. Juni, um 14 Uhr in Göteborg und endet am nächsten Tag voraussichtlich

gegen Mittag oder frühen Nachmittag in der Kieler Innenförde an der

Blücherbrücke.

 

Die Crew der „illbruck“ auf der achten Etappe:

 

Stuart Bannatyne

(Wachführer), Stu „Waffler” Bettany (Vorschiff), Mark “Crusty” Christensen

(Wachführer), Richard Clarke und Ray “Hooray” Davies

(Segeltrimmer/Steuermann), Dirk “Cheese” de Ridder (Segeltrimmer), Noel

“Nitro” Drennan (Segeltrimmer/Steuermann), Jamie Gale/Mast, Ross “Rosco”

Halcrow (Segeltrimmer und Segelprogramm-Manager), Tony Kolb (Vorschiff)

sowie Skipper John Kostecki und Navigator Juan Vila.

Vorläufiger Gesamtstand nach acht von neun Etappen:

 

1. illbruck (Leverkusen) 54 Punkte

 

2. Assa Abloy (Schweden) 49

 

3. Amer Sports One (Finnland/Italien) 40

 

4. News Corp (Australien) 40

 

5. Tyco (Bermudas) 40

 

6. SEB (Schweden) 29

 

7. djuice (Norwegen) 25

 

8. Amer Sports Too (Finnland/Italien) 11

Lesen Sie dazu:

Fotofinish – "Assa Abloy" gewinnt

Stürmischer Start

sowie:

 

Entscheidende Nordsee - die achte Etappe

"Illbruck" segelte Weltrekorde

Illbruck auf der Couch – eine Analyse des Geschwindigkeitspotentials

Alle Yachten und Teams

Die VO 60 Yachten

Das Volvo Ocean Race

 

 

 

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