America's Cup: Mastbruch!

28. Februar 2003 - Acht Tage lang mussten die Segelsportbegeisterten aus aller Welt auf das Vierte Match vor Auckland warten – aus etlichen Gründen. Heute endlich ging Team NZL 82 gegen Alinghi SUI 64 an den Start. Und die Schweizer, die 3:0 bisher führten, sind jetzt ganz kurz davor, den Cup zu gewinnen und ihn zum ersten Mal seit 152 Jahren nach Europa zu holen. Denn auf der zweiten Kreuz bei 17 Knoten Wind brach heute der Mast bei Team NZL 82 .

Das Segel ist bereits abgesägt und geschnitten, auf NZl geht es nach dem Mastbruch ans aufklaren. (Foto © Bob Grieser/ Louis Vuitton/ americascup.yahoo.com)

Alinghi SUI 64 Skipper Russel Coutts feierte seinen 41. Geburtstag – ein besseres Geschenk als diesen Matchpoint im America's Cup konnte er sich kaum wünschen, obwohl er ganz sicher lieber segelnd gegen NZL gewonnen hätte.

 

In der Vorstartphase ging Coutts ganz kühl Dean Barker (29) auf NZL 82 aus dem Weg , wendete knapp vor einem der Zuschauerboote am Rand des Startdreiecks und zwang NZL 82, hinter der Zuschaueryacht herum zurück zur Linie zu segeln. Alinghi SUI 64 ging auf der linken Seite auf die Linie zu, NZL 82 rechts etwas zurück, und Alinghi SUI 64 kam genau auf Null über die Linie, NZL 82 etwa 2 Sekunden zurück. Der Wind blies um 17 Knoten, war aber ziemlich böig, und die Wellen sehr "choppy", sehr ruppig und kurz.

 

Vor der ersten Luv-Tonne, nach zwei Wenden, ging Alinghi SUI 64 rechts raus, Die Schweizer lagen rund 40 Meter vorn, die rechte Seite brachte den Vorteil, dass sie auf Backbordbug und damit mit Wegerecht auf die Luvtonne zuliefen. An der Tonne liegt Alinghi SUI 64 gut 8 Sekunden vor NZL 82. Auf dem anschließenden Spinnakergang segelt Alinghi SUI 64 80 bis 90 Meter vorne weg.

 

Auf der ersten Kreuz auffällig: Im Achterschiff von NZL 82 ist eine Plastikfolie am Süll befestigt, die das offene Cockpit nach innen abdeckt – sie soll verhindern, das zuviel Wasser ins Schiff läuft, wie beim ersten Match. Deutlich zu sehen ist aber auch, das bei der ruppigen Welle jede Menge Wasser ins Schiff läuft.

 

Knack

In Hubschrauberbildern sieht man bei der folgenden Kreuz, dass im Groß von NZL 82 eine Lattentasche flattert. Das Groß hat zudem einen Bauch. Aber der Wind nimmt jetzt zu, eine Regenböe mit 26 Knoten fegt über den Hauraki-Golf. Die Vorschiffe von Alinghi SUI 64 und NZL 82 tauchen immer wieder tief in die Wellen ein und die Schiffe nehmen vorn Wasser über. Das Groß von NZL 82 ist immer noch bauchig. Alinghi SUI 64 zieht ungefährdet vorn davon, mit etwa 90 Metern Vorsprung.

Dann, so beschreiben es später auch Teamchef Tom Schnackenberg und Skipper Dean Barker, geht NZL 82 durch die von allen Seegebieten bekannte Serie von drei etwas größeren Wellen. Das Match ist jetzt etwa 40 Minuten alt. Da knallt der Mast über der ersten Saling weg, die Carbon-Palme knickt einfach ab, bleibt durch das Rod-Rigg und die Fallen aber am Boot hängen.

Das Groß an dem nach hinten geknickten Mast schlägt, es herrscht riesiger Lärm an Bord, alles schreit, ist entsetzt, die Ersten rennen los und holen Fender, um den Mast vom Rumpf abzufendern, damit er im Seegang kein Loch in den Rumpf schlagen kann. (Das ist Seemannschaft: Sekunden nach dem Mastbruch beginnt das Aufräumen, bei aller Hektik und Schreierei). Später gehen die Neuseeländer mit einer dicken Motorflex daran, auf dem schaukelnden Boot das Niro-Rigg zu zerschneiden ! Zuvor wird mit einer Handsäge das Segel und die verbliebenen Segellatten vom Mast getrennt. Ausgerechnet jetzt wird der Wind schwächer, bald darauf kommt sogar die Sonne kurz raus! Eine harte psychologische Probe für die armen Neuseeländer, die zweimal den Cup gewannen.

Offensichtlich hatte Neuseeland aber beim Bau des Bootes auf weniger Wind und Welle gesetzt – was zu dieser Jahreszeit in Neuseeland auch normal wäre. Aber die wohl leichtere Konstruktion scheint diesen Bedingungen nicht gewachsen. Im ersten Rennen knallte die Genua weg, und das Boot machte sechs Tonnen Wassser. Und jetzt: Eine Plastikfolie – hightech, klar – als Ersatz. Das Boot krängt also zu weit weg, das Freibord ist zu niedrig. Zudem ist ein sich öffnendes Groß, das in starkem Wind bauchig wird, bei der akribischen Vorbereitung der Teams nicht gerade ein gutes Zeichen. Möglicherweise liegt der Mastbruch auch nicht nur an dem Bruch einer Aufhängung der unteren Wanten, wie es Tom Schnackenberg von NZL 82 in einer Pressekonferenz sagte: In den harten Wellen kommt NZL 82 ins Stampfen. Dabei hat das Boot inzwischen durch das eingelaufene Wasser mehr Gewicht. Zudem bekommt das Boot durch den größeren Bauch erheblich mehr Druck. In der Stampfbewegung wird die punktuelle Belastung auf den Mast dann ganz erheblich größer als normal.

Erste Kommentare

In einer Pressekonferenz sagte Dean Barker, das Team habe nun mal nicht so viel geld und nur zwei Masten. Barker und Schnackenberg betonten aber, dass der zweite Mast vom Trainingsboot baugleich sei und genau auf NZL 82 passe. Man werde die Nacht über und bis zum Morgen arbeiten, um Mast und Rigg zu stellen.

Brad Butterworth, Cheftaktiker von Alinghi, bedauerte, dass sie auf diese Weise das Match gewannen. Aber betonte auch, dass sie bei diesen Bedingungen deutlich vorne gelegen hatten. Butterworth sagte, auf der zweiten Kreuz, beim Mastbruch, habe man 25 Knoten und einige größere Wellen registriert, "aber nichts, was wir nicht schon zuvor erlebt hatten." Grant Simmer, Designteam Alinghi SUI 64, konnte mit understatement sagen, das Alinghi SUI 64 mehr als 32 Rennen gesegelt sei bisher und etliches an Trainingsläufen ....

Die Neuseeländer müssen nun am morgigen Samstag mit einem neu gestellten Mast, den sie eigentlich noch eintrimmen müssen, an den Start gehen – und gewinnen. Alinghi SUI 64 braucht nur noch einen einzigen Sieg, kann ganz defensiv segeln –und dann käme der America's Cup, 152 Jahre nach dem ersten Match vor der britischen Isle of Wight mit dem Schooner America, nach Europa. Vielleicht ans Mittelmeer.....

Das nächste Rennen startet Samstag. Der Sieger braucht im "Best-of-nine" Modus fünf erste Plätze.

America's Cup 2003:

Race 4:

Alinghi SUI 64 versus NZL 82: Alinghi SUI 64 allein nach Haus / Mastbruch bei NZL 82 dnf

Punktestand:

Alinghi SUI 64: 4 Punkte

Team NZL 82 : 0 Punkte

Lesen Sie dazu auch:

America's Cup aktuell im Seglermagazin.de

Neues Format für den Cup?

Bedenkzeit - wieder verschoben

Fortsetzung folgt über das erste aufgeschobene vierte Rennen mit Hintergrundbericht

Der AC im TV – der nächste Cup in Portugal ?

Interview mit Jochen Schümann, Alinghi SUI, zum Finale

Drama bei NZL 82 (das erste Race)</>

"Kampf um die Kanne beginnt" – mit Erklärung der Renn-Regeln

Website des Americas Cup 2003:

 Seite drucken  |   Seite versenden