62. Rolex Sydney Hobart Yacht Race: Mastbrüche und ein gesunkenes Boot

02. Januar 2007 - Stürmischer Wind und eine starke Strömung, steile Wellen entlang der australischen Küste und in der Tasman See: Auch das diesjährige Sydney-Hobart Race machte seinem Ruf als eine der härtesten Hochsee-Regatten alle Ehre. Neun Yachten gaben auf, ein Boot sank, aber die Besatzung konnte gerettet werden, und es gab Mastbrüche durch die harte Beanspruchung in der steilen Welle, die durch Wind gegen Strom entstand. Ein Tief südöstlich von Tasmanien sorgte dafür, dass fast das ganze Rennen ein Am-Wind-Segeln war. Siegerin nach berechneter Zeit wurde denn auch kein schneller "racer", keine Leichtbau-Rennyacht, sondern ein alter S & S -Riss von 1973, die 33 Jahre alte „Love & War“. Als schnellster Maxi kam - zum zweiten Mal - als erstes Schiff im Ziel die „Wild Oats XI“ zwei Tage vor "Love & War" ins Ziel.

Die siegreiche Love & war", ein 33 Jahre alter S & S Riss. (Foto © Daniel Forster / Rolex)

Am Sonnabendnachmittag (30. Dezember) übergab Geoff Lavis, Kommodore des ausrichtenden Cruising Yacht Club of Australia am Kai von Hobarts Constitution Dock den begehrten Tattersalls Cup an den Gesamtsieger Lindsay May aus Australien und der neun Mann starken Crew seiner 33 Jahren alten „Love & War“, die nach berechneter Zeit vorne blieb. Die schnellsten Maxiracer, wie die „Wild Oats XI“ von Bob Oatley (ebenfalls Australien), die als Erste zwei Tage eher im Ziel war, landeten nur auf den Plätzen.

Nach 628 Seemeilen von der Olympiastadt Sydney nach Hobart auf Tasmanien
querte die „Love & War” am Morgen des 30. Dezembers um 9.17 Uhr Ortszeit (MEZ plus zehn Stunden) nach 3 Tagen, 20 Stunden, 17 Minuten und 24 Sekunden die Ziellinie.

Die 47 Fuß lange „Love & War“ – eines der schönsten Schiffe des
Teilnehmerfeldes – wurde 1973 nach einem Riss von Sparkman & Stephens für den Eigner Peter Kurts gebaut. Im Rahmen ihrer langen und beeindruckenden Karriere war sie 1974 und 1978 Gesamtsiegerin im Sydney Hobart Race und ging 1975 für Australien im Admiral’s Cup an den Start. In ihren besten Zeiten gewann sie die meisten größeren Hochseeregatten an der australischen Ostküste.

Die „Love & War“ ist eine für ihre Ära typisches Schiff mit Seiteneinfall
(wo das Boot unter Deck breiter ist als an Deck), spitzem Bug und Heck, und
sie ist immer noch ein Original mit lasierten Teakbohlen in der Kajüte,
riesigen Edelstahlwinschen, Tufnol-Blöcken und Aluminium Rigg – rundum
massive, kugelsichere Ausrüstung, typisch für ihre Zeit. Das einzige
Zugeständnis an das 21. Jahrhundert sind die Instrumente. „2004 haben wir
uns für den Einbau von ‚B&G’-Instrumenten entschieden. Peter konnte es nicht
fassen, dass die genauso viel kosteten wie der Rumpf, als das Boot gebaut
wurde“, schmunzelte May mit einem der Nostalgie geschuldeten Lächeln. Peter
Kurts war im Januar 2005 im Alter von 80 gestorben, an eben jenem Tag, an
dem die „Love & War“ nach dem Abschluss des Rolex Sydney Hobart 2004 zurück
nach Sydney segelte.

Die „Love & War“ befindet sich weiterhin im Besitz der Familie Kurts. Peter
Kurts’ Sohn Simon konnte jedoch dieses Mal nicht selbst segeln und lieh das
Schiff an May aus, der mit vielen seiner früheren Kollegen von der berühmten
Maxiyacht „Brindabella“ aus Sydney antrat. Beim alljährlichen Rolex Sydney
Hobart Race zählen die Teilnehmer stolz, wie oft sie das Rennen bereits
gesegelt sind. Und die zehn Besatzungsmitgliedern der „Love & War“ kamen in
2006 auf insgesamt 132 Hobart-Rennen. Sie gehörten zu den Crews mit der
meisten Erfahrung.

Unter ihnen war auch der „Brindabella“-Eigner George Snow, der die „Love &
War“ dieses Mal als Koch verstärkte. „Mehr Spaß, weniger Verantwortung – und
es ist trotzdem ein wichtiger Job an Bord“, scherzte Snow, der nun bekannt
ist für sein „Brindabella-Frühstück“, bei dem er den üblichen Zutaten mit
viel Tabasco eine ganz eigene Note verlieh.

Abgesehen von der cleveren Taktik, liegt der Erfolg der „Love & War“ in
ihrer typischen 70er-Jahre-Rumpfform und ihrer großen Verdrängung
begründet – beides günstige Faktoren beim Amwindsegeln, das in diesem Jahr
das Rennen zu 90 Prozent bestimmte. „Am Wind läuft das Boot konstant
schneller, als es nach Handicap berechnet wird. Vor dem Wind läuft es
dagegen – nein, dann ist es nicht so glücklich“, gesteht May.

Snow verglich die Yacht mit den neueren Rennyachten, von denen sie am Kai in
Hobart umringt war: „Sie ist schwerer und dabei mit weniger Segelfläche
ausgestattet und nicht so dynamisch. Aber sie ist ein schönes Boot, geht mit
den Wellen und stößt nicht so schrecklich, sie lässt sich sehr leicht
segeln.“

Während die modernen Leichtgewichte unter den Booten in Richtung Küste
segelten, hielt die „Love & War“ weiter draußen trotz der rauen Bedingungen
den direkten Kurs, wo durch die Strömung nach Süden und den aus Süden
wehenden Wind eine steile, ausgesprochen unkomfortable See entstand.

„Wir sind einfach rausgegangen“, erzählt May. „Und dann zog uns diese
unglaubliche Strömung mit 4,5 Knoten mit sich.“ Normalerweise ist die
Strömung 2 oder 2,5 Knoten schnell. Sie blieben auch vor dem Eingang zur
Bass-Straße weit draußen und nutzten weiterhin die Strömung und günstige
Strudel voll aus. Ihre östliche Position ermöglichte ihnen auch, auf Tasman
Island zuzuhalten, ohne so viel kreuzen zu müssen wie die Boote näher an der
Küste. „Dann hatten wir die gesamte tasmanische Küste entlang eine
hilfreiche Strömung – 2,5 Knoten, was ich noch nie erlebt habe“, erzählte
May.


ABN Amro, Volvo Ocean Siegerin, mit Mastbruch. (Foto © Daniel Forster/ Rolex)

Von anderen, die weiter draußen segelten, forderte die harte See ihren Tribut.
Zu den prominenten Opfern gehörte auch das Team der „ABN AMRO One“, das erst
im Sommer das Volvo Ocean Race rund um die Welt überlegen gewonnen hatte. Um
3.08 Uhr australischer Zeit funkte es ihren Mastbruch an die Regattaleitung.
Zu diesem Zeitpunkt herrschte Windstärke sieben bis acht, in Böen neun –
erheblich mehr, als die vorhergesagten fünf Beaufort.

„Für uns war das eigentlich nichts Außergewöhnliches“, kommentierte Skipper
Mike Sanderson aus Neuseeland, der das Boot schon durch wesentlich extremere
Bedingungen gesegelt hat. „Es gab zwei laute Knalle, und dann fiel das Rigg
in Einzelteilen herunter“, so Sanderson, „zurück blieb ein Maststumpf
unterhalb der ersten Saling“. In stockdunkler Nacht blieb der Grund für den
Schaden ein Geheimnis, wobei die Mannschaft Materialermüdung an kritischer
Stelle vermutete.

Um den Kohlefaserrumpf nicht zu gefährden, kappte die Crew alle noch
bestehenden Verbindungen zum Mast und versenkte den abgebrochenen Teil im
Ozean. Unter Motor machte sie sich auf zurück nach Sydney.

So glimpflich ging es für die „Maximus“-Crew zwar nicht ab, bei der nur
kurze Zeit später bei Windstärke sechs bis sieben der Mast „von oben kam“.
Und dennoch war sie froh, mit zahlreichen Blessuren davon gekommen zu sein.
„Ich glaube, wir hatten riesiges Glück, das niemand ums Leben gekommen ist“,
meinte Ian Trelaven. Er war für kurze Zeit bewusstlos geblieben, als das
Vorstag (Verbindung zwischen Bug- und Mastspitze) am Bugbeschlag brach und
nach hinten ins Cockpit schleuderte. Dabei zerbrach es an den Handgriffen
der Grinder („Kaffeemühlen“ zum Segeltrimmen) und den beiden Steuerrädern.

„Ich hockte unten in Lee, um am Leetraveller die geplante Wende
vorzubereiten, als ich das Krachen hörte“, erzählte Trelaven. „Der Großbaum
muss mich im Nacken erwischt und zu Boden gedrückt haben. Ich landete auf
einer Winsch. Zum Glück wurde ich dabei nicht noch härter getroffen.“

Der Neuseeländer David Mundy dagegen brach sich ein Bein und einige Rippen.
Er wurde als Erster von einem Rettungshubschrauber abgeborgen. Auch Glenn
Attrill, George Hendy und Martin Hannon erlitten verschiedene Verletzungen
am Becken, Rücken, Kopf und den Rippen. Im Morgengrauen wurden sie ebenfalls
ins Moruya-Hospital geflogen, das sie nach ambulanter Behandlung verlassen
durften, während ein Polizeiboot zwei weitere lädierte Crewmitglieder an
Land brachte.

Bei dem Unfall wurde auch das Ruder der „Maximus“ leicht beschädigt, die das
potenziell schnellste Schiff im Feld mit dem höchsten Handicap war. Außerdem
wickelte sich ein Segel um den Antriebspropeller. Erst nachdem das alles
klariert war, nahm die Maxiyacht der Co-Eigner Charles St Clair Brown und
Bill Buckley mit dem halben verbliebenen Steuerrad Kurs auf Ulladulla, 100
Seemeilen südlich von Sydney.

Als die zwölfeinhalb Meter lange „Koolmooloo“, die das Rolex Sydney Hobart
1968 gewonnen hatte, am Mittwochvormittag SOS funkte, lag die einheimische
Mannschaft von Mike Freebairn nach berechneter Zeit wieder in Führung. Bei
sechs Meter hoher See und Windstärke sechs fiel das Boot geradezu eine
Welle, die „keinen Rücken hatte“, herunter. Gleich darauf drang unter Deck
Wasser schneller ein, als es gelenzt werden konnte. Schweren Herzens, aber
umsichtig traf der Eigner und Skipper, der das Boot mit seinem Vater Don
zehn Jahre lange restauriert hatte, die Entscheidung, die „Koolmooloo“ zu
verlassen und aufzugeben. Unter Beobachtung von zwei Hubschraubern gelang es
schließlich der britischen Soldatencrew der 20-Meter-Yacht „Adventure“, die
acht Schiffbrüchigen aus deren Rettungsinsel an Bord in Sicherheit zu holen
und später an ein Polizeiboot zu übergeben.


Erste im Ziel: Die Maxiyacht Wild Oats. (Foto © Carlo Borlenghi / Rolex)

Die letzten Seemeilen den Fluss Derwent hinauf nach Hobart waren ein
Genuss für die 23 erschöpften Crewmitglieder und Eigner Bob Oatley. Das Team
der australischen Hochseeyacht „Wild Oats XI“ kostete das Ende des 62. Rolex
Sydney Hobart Yacht Race am späten Donnerstagabend (28. Dezember) Ortszeit
wie eine Triumphfahrt aus. Zum zweiten Mal nacheinander war die schlanke,
silbergraue 30-Meter-Maxi bei der berüchtigten Segelregatta über 628
Seemeilen als Erste im Ziel. Das war zuletzt der einheimischen „Astor“ von
Peter Warner 1963 und 64 also vor 42 Jahren gelungen. Entsprechend
frenetisch wurde die Siegermannschaft von zahlreichen Schaulustigen am
Constitution Dock von Hobart bejubelt.

In der Abenddämmerung hatte die „Wild Oats XI“ das Leuchtfeuer Iron Pot
passiert und für die letzten Seemeilen ins Ziel erstmals seit dem Start am
Zweiten Weihnachtstag den Spinnaker gesetzt. Die Ziellinie bei der Castray
Esplanade in Hobart überquerte sie um 21.52 Uhr und 33 Sekunden. Damit hatte
die Crew mehr als 14 Stunden länger benötigt als bei ihrem Streckenrekord in
2005, als sie außerdem Gesamtsiegerin nach berechneter Zeit geworden war und
den begehrten Tattersall’s Cup gewann.

Bei der Zielankunft lobte „Wild Oats“-Skipper Mark „Ricco“ Richards seine
Crew, zu der Weltumseglerin Adrienne Cahalan als Navigatorin und der
ehemalige America’s Cup-Skipper Iain Murray gehörten: „In den vergangenen
Tagen ist mein Team durch einige wirkliche harte Bedingungen gegangen. Ich
bin stolz, mit dieser großartigen Mannschaft dieses schwere Rennen so
bravourös gemeistert zu haben.“

Nach einem schnellen Lauf aus den Hafen von Sydney heraus, als die
Bootsgeschwindigkeit bis zu 23 Knoten erreichte, stand auf der „Wild Oats XI
“ in der ersten Nacht schon die kritischste Entscheidung des Rennens an. Das
Team ließ die niederländische „ABN AMRO One“ weiter draußen auf See ziehen,
wo mehr Wind und mehr Strömung herrschte, aber eben auch erheblich
gefährlicherer Seegang. Während die Siegerin des Volvo Ocean Race 2005-2006
vom stürmischen Wind und hohen Wellen gebeutelt wurde, steuerte die „Wild
Oats“ bei ruhigerem Wasser und nur Windstärke sechs unter der Küste entlang.

Richards erklärte: „Wir haben oft Dampf herausgenommen. Ich stand unter
strikter Anweisung von Bob [Oatley], abzubremsen, wenn es nötig schien. Er
hat es mir nur etwa 500 Mal gesagt! Es sprach einiges dafür, weiter draußen
auf See zu sein. Normalerweise kannst du dort viel gewinnen. Aber bei viel
Wind und dem derart rauen Seegang wollten wir einfach nicht da draußen sein.
Wir bevorzugten den sichereren Weg und hielten uns aus der stärksten
Strömung und damit aus den größten Wellen heraus. Wir haben das Boot in der
Nacht lieber geschont.“

Zwischendurch sorgte die gewählte Taktik an Bord für einigen Gesprächsstoff,
nachdem es schien, dass Mike Sanderson auf der „ABN AMRO One“ die bessere
Entscheidung getroffen hatte, als er vorübergehend die Führung übernahm.
Aber dann brach der Mast der Volvo Open 70. Dazu Adrienne Cahalan: „Es war
nur ‚ABN’, die da draußen segelten, und deshalb ließen wir sie ziehen. Alle
anderen lagen unter Land. Und wir wussten genau, dass es richtig schwierig
werden würde, die Bedingungen dort draußen mit den steilen Wellen ohne
Schäden zu überstehen.“

Der einzige Schaden, den die „Wild Oats XI“ erlitt, war ein Riss in ihrem
größten und schwersten Vorsegel (Genua 1). „Wir hatten zwei Mann unter Deck,
die das Segel zwölf Stunden nonstop repariert haben. Und wir haben genau die
Fock am letzten Tag den ganzen Nachmittag wieder gesetzt gehabt“, sagte
Richards.

Die Bedingungen verlangten auch von der Crew ihren Zoll. „Es war ziemlich
rau“, fuhr Richards fort, „zwei Jungs wurden ziemlich hart gegen
Seerelingstützen gespült. Das ist nicht ungefährlich, kommt aber vor beim
Segeln, leider.“

Cahalan gab zu, dass das Geschaukel beim Überqueren der Bass-Straße nicht
besonders angenehm war: „Ich musste ein- oder zweimal an Deck gehen, um
frische Luft zu schnappen. Und die Mannschaft wird sehr müde, wenn sie die
ganze Zeit zum Trimmen auf der hohen Kante sitzt. Dabei war es nämlich auch
noch sehr, sehr kalt. Das gibt einem den Rest.“

(Text: Kling/ Key Partners/ & Jo Achim Geschke/ Seglermagazin.de)

 

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